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Insekten – Lokaler Rohstoff der Zukunft?

Lena Müller, 28 Jahre

Ohne Insekten würde unser gesamtes Ökosystem nicht funktionieren – etwa 88 Prozent der Bestäubungsarbeit wird durch Insekten verrichtet. Dass diese bald auch als nachwachsender Rohstoff genutzt werden können, daran wird zurzeit geforscht.

Ein unscheinbares Gewächshaus in Baruth in Brandenburg. Wer darin die Anzucht von Pflanzen erwarten würde, läge falsch: Es handelt sich hierbei um ein hochmodernes Biotech-Unternehmen, die Hermetia Baruth GmbH. In diesem Gewächshaus wird daran gefeilt, eine wirtschaftliche Fliegenzucht aufzubauen. Das Hauptinteresse gilt dabei jedoch gar nicht den ausgewachsenen Fliegen. Diese sind nur für die Fortpflanzung und damit für die Produktion von Nachwuchs interessant. Stattdessen werden vor allem die Larven der späteren Insekten betrachtet, denn aus deren Biomasse lassen sich Insektenproteine und -fette gewinnen.

Seit 2017 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Projekt „Competitive Insect Products“. Das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig, 130 Kilometer südwestlich des Fliegen-Gewächshauses, kooperiert für diese Forschung mit der Hermetia Baruth GmbH. Der Grund: Da sich Insekten enorm schnell vermehren, werden sie als nachwachsender Rohstoff der Zukunft gehandelt. Momentan gibt es jedoch noch einen entscheidenden Haken: Die Produktion der Insekten ist bislang nicht wirtschaftlich und somit auf dem Markt nicht wettbewerbsfähig. Harald Wedwitschka, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DBFZ und sein Team forschen deswegen daran, welche Teile der Insektenzucht ökonomischer gemacht werden können.

Aber noch mal zum Anfang: Warum Insekten? Insekten haben einen hohen Fett- und Proteingehalt. Harald Wedwitschka betont, dass das Fett der Insekten zukünftig weniger nachhaltige Rohöle wie Palmöl, Rizinus- und Kokosöl ersetzen könnte. Im Gegensatz zu den genannten Ölen kann Insektenfett lokal erzeugt werden und hat somit keine langen Transportwege hinter sich, wenn es zum Einsatz kommt. Wedwitschka berichtet, dass es außerdem oft zu Lieferengpässen bei den importierten Ölen komme. Auch dieses Problem könnte durch Insektenfett vermindert werden.

Ersatz für Fisch und Soja

Das Protein von Insekten kann außerdem zu Tierfutter hinzugesetzt werden. So lässt sich der Anteil des bisher verwendeten Sojas und Fischmehls verringern. Beides ist aus ökologischer Sicht sehr bedenklich. Rund 80 Prozent des weltweit angebauten Sojas wird für Tierfutter verwendet und um der steigenden Nachfrage an Tierfutter gerecht zu werden, steigt auch der Anbau von Soja. Dafür werden Regenwaldflächen gerodet und Monokulturen angelegt. Fischmehl wird aus Fisch hergestellt. Durch die großen Mengen Fisch, die so mittlerweile nicht nur von Menschen, sondern auch von Nutztieren konsumiert werden, sind über 30 Prozent der kommerziell genutzten Bestände überfischt. Bei weiteren 60 Prozent liegt die Nutzung am Limit.

Insekten können hier eine Lösung sein, denn sie stellen eine nachwachsende und lokale Ressource dar. Dipl.-Ing. Heinrich Katz, Mitbegründer und kaufmännischer Leiter der Hermetia Baruth GmbH, betont, dass es die Hauptaufgabe der Insekten in der Natur sei, aus Reststoffen körpereigene Fette und Proteine herzustellen – um dann als Nahrung für höhere Tiere zur Verfügung zu stehen. Sie könnten so auch einen entscheidenden Faktor in lokalen Kreislaufwirtschaften stellen.

Produktion der Biomasse aus Insekten

In Baruth wird vor allem an einer aus Lateinamerika stammenden Fliege geforscht. Die Schwarze Soldatenfliege braucht im Gegensatz zu der bei uns heimischen Stubenfliege als ausgewachsenes Tier kein Futter. Während ihres zwölftägigen Lebenszyklus als erwachsene Fliege kümmert sie sich nur um die Fortpflanzung. Alle Energie, die sie dafür braucht, nimmt sie bereits als Larve zu sich. Für die Produktion und Nutzung der Larven, leben die Tiere der Schwarzen Soldatenfliege im Gewächshaus in Baruth in Gefangenschaft und pflanzen sich stetig fort. Ein Teil der Eier entwickelt sich zu Larven und weiter zu ausgewachsenen Fliegen. Diese Fliegen pflanzen sich wieder fort, um weitere Eier zu legen, aus denen sich erneut Larven entwickeln. Der für die Vermehrung nicht benötigte Teil Larven wird für die Biomasseherstellung genutzt. Diese Larven dürfen sich ordentlich dick fressen. Bevor sie sich zu Fliegen entwickeln, werden sie getötet, bei 90° C getrocknet und grob gesagt in Insektenmehl, Insektenfett und einen Restteil verarbeitet.

Die Forschenden im Biomasseforschungszentrum in Leipzig nehmen Punkte unter die Lupe, die noch Probleme bereiten: Wie kann der „Rohstoff“ Insekt wirtschaftlich werden und wie können wir den Teil, der nicht Mehl oder Fett wird, weiternutzen? Harald Wedwitschka und sein Team nehmen dafür viele verschiedene Stellschrauben unter die Lupe. „Nachhaltige und kostengünstige Rohstoffe und Herstellungsverfahren, Nutzung erneuerbarer Energien in der Produktion und die Arbeit an einer Freigabe von Rest- und Abfallstoffen als Futterstoff, sind nur einige der vielen Möglichkeiten, die an der Produktionskette optimiert werden können“, berichtet Wedwitschka. Um es greifbarer zu machen: Die Schwarze Soldatenfliege gilt gesetzlich als Nutztier. Und das Futter, welches Nutztiere fressen, muss entsprechend zugelassen und zertifiziert sein. Zertifizierungen aber sind in der Regel eine teure Angelegenheit.

Deswegen beforscht Harald Wedwitschka in Leipzig Nährmittel, die nicht in Konkurrenz zu Futtermitteln stehen und möglichst günstig und regional zu bekommen sind. Das sind Stoffe wie Maissilage, Biertreber oder Hühnerkot. „Wir untersuchen gemeinsam mit der Hermetia Baruth GmbH verschiedenste Einsatzstoffe auf ihre Eignung und testen Koppelprodukte und Reststoffe der Insektenzucht“, so Wedwitschka, „zum Beispiel als Biogassubstrat oder Rohstoffe für technische Anwendungen.“ Die genannten Reststoffe, die weder Mehl noch Fett sind, enthalten noch sehr viel Energie. So viel Energie, dass sie – soweit das Gesetz es zulässt – als Substrat für die Herstellung von Biogas genutzt werden können. So entsteht das Potential für eine Kreislaufwirtschaft, denn die Wärme, die Biogasanlagen produzieren, kann wiederum für die Aufzucht der Larven genutzt werden – diese fühlen sich nämlich bei einer bestimmten Temperatur am wohlsten.

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Video: Fliegende Proteinquellen – Auf der Insektenfarm

Insekten essen oder „ausbeuten“ – vertretbar oder nicht?

Momentan rückt die Ausbeutung von Nutztieren durch den Menschen immer mehr in den Fokus der Gesellschaft. Es stellt sich somit die Frage, ob nun die Forschung an Insekten als neue Ressource überhaupt zukunftsfähig ist. Die Anzahl an veganen, also tierfreien Produkten ist in den letzten Jahren zusehends gestiegen. Nicht nur bei Lebensmitteln, auch im Non-Food-Bereich. Die Argumente von Katz und Wedwitschka sind jedoch einleuchtend: Insekten können Ressourcen, die von weit weg importiert werden müssen, ersetzen. Sie können problematischen Monokulturen dadurch vorbeugen, dass es weniger Palmöl- oder Sojaplantagen braucht. Und ist die Forschung erfolgreich, können, die Fliegen nicht nur regional, sondern auch nachhaltig (Stichwort Kreislaufwirtschaft) aufgezogen werden. Wedwitschka wendet jedoch ein, dass der nachhaltigste Weg wäre, die Insekten zu essen, anstatt sie über Tierfutter oder Schmierstoffe auf den Markt zu bringen. Die Akzeptanz für insektenbasierte Lebensmittel ist jedoch im globalen Norden bisher vergleichsweise gering.

Heinrich Katz argumentiert außerdem, dass sowohl durch Auto- wie auch durch Bahnverkehr viele Insekten sterben müssten – deren Tod wir auch billigend in Kauf nehmen. Und es geht noch weiter mit der „Ausbeutung“ von Insekten, wie Katz erläutert: „Wir setzen Nützlinge ein, die Schädlinge auffressen oder parasitieren, damit wir Gemüse und Früchte ernten können.“ Hierbei fressen Insekten wiederum Insekten – gesteuert durch den Menschen. Dank dieser Nutzungsweise von Insekten kann in der Landwirtschaft der Einsatz von chemischen Pestiziden verringert werden. Man sieht: Insekten sind auch unabhängig von der Rohstoffnutzung bereits eine ökonomische Ressource.

Klar ist: Wir benötigen nachwachsende Rohstoffe, um zukünftig die Ausbeutung unseres Planeten zu vermindern. Klar ist auch: Bei diesen nachwachsenden Rohstoffen handelt es sich um Lebewesen – was unvermeidlich kontroverse Meinungen mit sich bringen wird. Vielversprechend klingt das Forschungsvorhaben allemal. Und vermutlich notwendig.

Quelle: DBFZ

Harald Wedwitschka ist studierter Biotechnologe und Umweltwissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Biomasseforschungszentrum GmbH. Sein Forschungsgebiet beinhaltet die Untersuchung biotechnischer Ansätze zur kombinierten stofflichen und energetischen Nutzung von Biomasse.

Quelle: Privat

Dipl.-Ing. Heinrich Katz ist der kaufmännische Leiter der Hermetia Baruth GmbH und verantwortlich für die Organisation und die externe Kommunikation. Hermetia war im Jahr 2006 die erste Einrichtung, der der Aufbau einer signifikanten und stabilen Zucht der Schwarzen Soldatenfliege (Hermetia illucens) in Europa gelang. Die Firma hat für die Massenproduktion der Larven einen Bioreaktor entwickelt, der weltweit vertrieben wird. Die Aufbereitung der Larvenmasse zu proteinreichem Mehl und Öl wurde ebenfalls von der Hermetia entwickelt.

Jobs für die Zukunft

Es wird in Zukunft eine Menge neue Betätigungsfelder auf dem Gebiet nachwachsender Rohstoffe geben. Falls auch du dich für diese und generell eine Wirtschaft mit mehr Nachhaltigkeit interessiert, hätten wir da was für dich:

Quelle: Pexels/ThisIsEngineering

Ingenieurswissenschaftler*in

… als Ingenieurwissenschaftler*in beschäftigst du dich mit der Forschung, Entwicklung sowie Produktion und dem Betrieb von technischen Anwendungen.

Quelle: Pexels/Kateryna Babaieva

Maschinenbauingenieur*in bzw. Bauingenieur*in

… es gibt auch die Möglichkeit einer bestimmten Spezialisierung, zum Beispiel zur/zum Maschinenbauingenieur*in oder Bauingenieur*in. In all diesen Bereichen werden nachwachsende Rohstoffe in Zukunft eine immer größere Rolle spielen.

Quelle: Pexels/Chokniti Khongchum

Biotechnolog*in

… als Biotechnolog*in verfügst du über Wissen von biologischen Grundlagen mit der Anwendung in der Industrie, Medizin und Landwirtschaft. Ein zentrales Aufgabengebiet kann die Weiterentwicklung von nachwachsenden Rohstoffen sein.

Quelle: Pexels/Sora Shimazaki

Sekretär*in

… als Sekretär*in erledigst du Büro- und Assistenzaufgaben und sorgst so für die Entlastung aller Mitarbeitenden.

Quelle: Pexels/Karolina Grabowska

Buchhalter*in

… als Buchhalter*in beschäftigst du dich mit den Einnahmen und Ausgaben eines Unternehmens. Du erstellst Rechnungen, prüfst Zahlungseingänge und Eingangsrechnungen, überwachst Konten, steuerst finanzwirtschaftliche Vorgänge und gewährleistest die reibungslose Organisation des Finanz- und Rechnungswesens eines Unternehmens.

Quelle: Pexels/RODNAE Productions

Hausmeister*in

… als Hausmeister*in stellst du sicher, dass Gebäude, Grundstücke und eventuell Anlagen gewartet, gepflegt und instandgehalten werden.

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